So ist es in Tschernobyl : Antworten auf die wichtigsten Fragen

Aktualisiert: 18. Nov 2019

Als Fotografin ist Tschernobyl schon immer auf meiner Bucketlist gestanden. Genauer gesagt eigentlich Pripyat, die Geisterstadt, und die Gegend rund um das Atomkraftwerk. Jeder, der sich schon einmal mit dem Thema auseinandergesetzt hat, kennt die Fotos vom verlassenen Kindergarten oder dem ehemaligen Vergnügungspark. Das wollte ich unbedingt mit eigenen Augen sehen und mit der eigenen Kamera einfangen! Heuer war es endlich soweit. Mittlerweile ist die Reise ein paar Monate her und bis jetzt bekomme ich Unmengen an Fragen dazu gestellt. Ist das nicht gefährlich? Wie nahe zum Reaktor darf man hin? Lohnt sich das? Ich werde deshalb hier versuchen, die wichtigsten zu beantworten. :)


Einer der bekanntesten Orte in der Sperrzone: Der verlassene Kindergarten von Kopachi

1.) Ist ein Besuch der Sperrzone gefährlich?


Das ist mit Sicherheit die Frage, die ich bisher am häufigsten gestellt bekommen habe. Und die Antwortet lautet: Nein. Wenn man Tschernobyl mit einer geführten Tour besucht und sich an die Regeln hält, ist der Besuch definitiv unbedenklich. Ich habe bei meiner Tour aus Interesse auch einen Geigerzähler mitgenommen und der hat nur wenige Male angeschlagen. Grundsätzlich wurden nach der Katastrophe nämlich alle Hauptstraßen gesäubert. Dort kann man sich frei bewegen. Aufpassen muss man nur in der Natur. So ist es etwa nicht ratsam, durch Büsche oder hohes Gras zu spazieren - was im Rahmen einer Tour aber ohnehin nicht passieren wird und man beim Mitführen eines Geigerzählers auch sofort merken würde. Jeder, der das Sperrgebiet betritt, bekommt außerdem ein Dosimeter und muss beim Verlassen an zwei Checkpoints durch Körperscanner, die die im Regelfall nicht vorhandene Kontamination prüfen.


2.) Wie nahe an den Reaktor kommt man heran?


Nahe! Weit näher als ich das gedacht hätte! Über dem alten Sarkophag des Kernkraftwerks gibt es mittlerweile eine Schutzhülle, die verhindern soll, dass Strahlung nach außen dringt. Diese gigantische Metallkonstruktion erlaubt es auch, dass man sich dem Kernkraftwerk bis auf wenige hundert Meter nähern kann, ohne Schutzkleidung tragen zu müssen. Und auch hier hat mein Geigerzähler keinen Mucks gemacht.


3.) Kann ich das Sperrgebiet auf eigene Faust erkunden?


Leider nein. Das gesamte Gebiet ist militärisches Sperrgebiet. In einem 30-km-Radius und in einem 10-km-Radius gibt es militärische Checkpoints, bei denen jeder Besucher genau registriert wird. Ein Besuch der Sperrzone ist deshalb nur im Rahmen einer offiziellen Tour möglich. Anbieter dafür gibt es reichlich. Ihr müsst nur ein paar Tage Vorlaufzeit einplanen, da viele Touren ausgebucht sind und auch eure Daten vorab registriert werden müssen.


4.) Darf man in die Gebäude hinein gehen?


Die Antwort auf diese Frage lautet ganz klar "Jein". ;) Eigentlich ist es streng verboten, die Gebäude zu betreten. Meine Erfahrung ist jedoch, dass es trotzdem alle machen und es den Tourguides auch egal ist. In meinem Fall war es so, dass uns unser Guide zwar darauf hingewiesen hat, dass die Gebäude einstürzen könnten, uns aber nicht daran gehindert hat, hinein zu gehen. Generell hatte ich zwischendurch immer recht viel Zeit, um mich von der Gruppe ein bisschen wegzubewegen und die Gebäude selbst zu erkunden.


Ein ehemaliges Café in Pripyat

5.) Wann sollte ich Tschernobyl am besten besuchen?


Am besten jetzt! Viele der Gebäude sind mittlerweile in einem richtig schlechten Zustand. Ich denke, in ein paar Jahren wird man Tschernobyl nicht mehr so erleben können, wie man es jetzt kann. Schon bei meinem Besuch im Frühjahr war es zum Beispiel nicht mehr möglich, ins Schwimmbad hineinzukommen, weil ein paar Tage davor Teile des Gebäudes eingestürzt sind. Eine ideale Jahreszeit gibt es aus meiner Sicht ohnehin nicht. Ich war im Frühjahr dort, würde die Gegend aber wahnsinnig gerne auch einmal in Herbst und im Winter sehen.


6.) Was sollte ich sonst noch beachten?


Auch wenn es ungefährlich ist, Tschernobyl zu besuchen, gibt es strenge Kleidungsvorschriften. Jeder Besucher muss geschlossene Schuhe, lange Hosen und lange Shirts tragen. Außerdem sind die Kontrollen bei den Sperrzonen sehr streng. Einlass ist nur mit Reisepass möglich und die Daten am Reisepass dürfen sich auf keinen Fall von jenen am Ticket unterscheiden. Im Normalfall besucht man die Sperrzone von Kiev aus. Von dort gehen auch die meisten Touren weg. Die Busfahrt dauert etwa zwei bis drei Stunden. Wer vor allem zum Fotografieren hinfährt, sollte wissen, dass die normalen Touren doch relativ durchgetaktet sind. Ich habe eine Tagestour gemacht und war mit der verfügbaren Zeit eigentlich recht zufrieden. Wer größere Shootings plant, sollte aber lieber mehrere Tage buchen. Alternativ werden auch Foto-Touren angeboten, die preislich allerdings deutlich teurer sind. Auf jeden Fall würde ich aber darauf achten, dass ihr eine Tour mit kleinen Gruppen bucht!


7.) Lohnt es sich?


Definitiv! Auch wenn ich davor schon hunderte Fotos gesehen hatte, fand ich das Gefühl dort zu stehen, wo einmal Menschen gelebt haben, es jetzt aber beinahe menschenleer ist und sich eine der größten Katastrophen des 20. Jahrhunderts ereignet hat, dennoch schockierend und wachrüttelnd. Auch wenn manche Orte, wie etwa der Kindergarten, etwas für die Touristen inszeniert wirken, ist der Besuch wahnsinnig beeindruckend. An vielen Plätze hat man das Gefühl, als wäre die Zeit stehen geblieben. Von dem her lohnt sich ein Besuch nicht nur aus fotografischer Sicht!


Weltbekannt: Der Vergnügungspark in Pripyat

Falls ihr noch mehr Fotos aus Tschernobyl sehen wollt, würde es mich freuen, wenn ihr in meiner Fotogalerie vorbei schaut. Hier entlang...


Und falls es sonst noch Fragen gibt, beantworte ich die natürlich auch gerne. :)